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Die leise Arbeit der Psychologinnen

An der Ecke in Orlando East, Soweto, Johannesburg stehen gut zwanzig Frauen sehr gedrängt um einen Kleinlaster mit Jamswurzeln. Die Frauen sind innerafrikanische Migrantinnen, oft ohne Papiere und legalen Status im Land. Sie kaufen hier ein und verkaufen die Jams dann weiter – das soll ihnen und ihren Familien das Überleben sichern. Nur wenige Schritte davon entfernt ist die niederschwellige Anlaufstelle der Sofiatown Counselling Psychological Services (SCPS). Das Team hier stellt eine starke Zunahme von Hilfsanfragen fest. Den Flüchtlingen fehlt es an Essen, Unterkunft und sie möchten ihre Kinder zur Schule schicken. Theoretisch wäre dies in Südafrika gratis. Die Realität ist hier aber anders. Der Schulbesuch für ein Kind kostet an staatlichen Schulen unterdessen mit versteckten Kosten und Gebühren oft ebenso viel wie an Privatschulen.

Drinnen findet die Nachbereitung eines dreitägigen Trauer- und Verlusts- Camps von vierzehn 8-15-jährigen Aidswaisen statt. Die Besprechung beginnt mit einer ausserplanmässigen Krisenbesprechung zu einer Familie. Nachdem alle Fakten abgeckeckt sind, werden verschiedene Möglichkeiten diskutiert. Es wird beschlossen, die Miete der Familie für 3 Monate zu übernehmen. Allerdings ist diese Hilfe an eine Bedingung geknüpft: alle Kinder müssen zur wöchentlichen Kindergruppentherapie erscheinen, die Erwachsenen werden ebenfalls einmal wöchentlich in der Beratung erwartet. Nur so macht die Entlastung Sinn, weil auch die Probleme der Familie angegangen werden können.

Danach gehen die drei Psychologinnen und zwei Volontärinnen die drei Tage durch, besprechen die individuellen Reaktion der Kinder und schauen sich gemeinsam ihre Bilder an. Die auffallendsten Bilder werden einzeln besprochen und die weitere Begleitung der einzelnen Kinder diskutiert. Die Sorgfalt und Empathie ist beeindruckend. Eines der Kinder stahl am ersten Tag einen I-Pod der jungen Begleiterin. Nicht nur gab das Kind das tolle Gerät am dritten Tag ohne jeglichen Druck von Aussen zurück, es entschuldigte sich auch aus eigenem Antrieb. Auch die Geschichte hinter der Geschichte ist interessant: Der Junge wollte nämlich am ersten Tag des Camps von der Betreuerin adoptiert werden und bat sie darum. Natürlich wies sie seinen Wunsch zurück. Er rächte sich mit dem Diebstahl für die Zurückweisung – und war auch erfolgreich, denn die Betreuerin fühlte sich ihrerseits hintergangen und verletzt. Dass er selber am 3. Tag dann auf sie zuging und sagte, er hätte einfach noch nie so etwas Tolles besessen und es täte ihm leid, muss sehr bewegend gewesen sein. Und er war völlig von den Socken, als die Betreuerin die Entschuldigung nicht nur akzeptierte, sondern ihm verzieh. So machte er die Erfahrung, dass man Fehler machen kann ohne dass die Welt untergeht. Und dass ein Weg zurück existiert – einer der nicht mit Schlägen und Schreien gepflastert ist.