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Im Land des Zuckerrohrs

Grün sind die sanften Hügel rund um Mumias, hoch steht das Zuckerrohr und anders als im 35 Kilometer entfernten Kakamega ist nirgends Mais oder Sorgum zu sehen. «Der Zucker hat uns arm gemacht.», sagt Justin Mutobera von SAIPEH, unserer Partnerorgansiation, die sich im Zuckerfabrikstandort Mumias als einzige im Kampf gegen Aids und in der Unterstützung HIV-positiver Elternteile und Stärkung der zahlreichen von Aids-Vollwaisenhaushalte engagiert. Und er erzählt die alte Geschichte von der Ausbeutung der Bevölkerung für den schnellen Profit von wenigen.

Die Selbstversorgerbauern von Mumias wurden in den 80-er Jahren mit kleinen finanziellen Anreizen und grossem politischem Druck dazu gebracht, von der mehrheitlich funktionierenden Selbstversorgung – dem Anbau von Mais, Sorgum,  Hirse und Gemüse – auf den einfacheren Zuckerrohranbau umzusteigen. Zuckerrohr braucht 18 Monate bis zur Ernte und ist, einmal gepflanzt, weniger aufwändig als die traditionelle Landwirtschaft. Für die ersten ein zwei Ernten funktionierte es ganz gut, danach aber gingen die Erträge massiv zurück. Denn die Böden Afrikas sind nährstoffarm und Zuckerrohr entzieht dem Boden alles.

Dazu kamen Preiszerfall und knebelnde Verträge, mit denen sich die Bauern für Jahre zum Verkauf des Zuckerrohres zu einem lächerlichen Preis an die Zuckerfabrik verpflichtet hatten. Selbstverständlich wurden und werden ihnen auch Saatgut und Dünger zu überhöhten Preisen verkauft. Damit begann der Teufelskreis, den bis heute nur wenige durchbrechen können. Wer nach 6 Jahren auf seinem Land wieder auf Selbstversorgung umstellen will, bebaute derart ausgelaugte Böden, dass der Ertrag zum überleben nicht mehr reicht.

Ein Zuckerrohrbauer kann heute mit einem Einkommen von 20’000 Kenianischen Schilling für 18 Monate rechnen. Das entspricht 282 Franken für 1,5 Jahre, also 15.70 Franken pro Monat. Er kann kein Gemüse mehr anbauen, denn all sein Land ist mit Zuckerrohr bebaut. Von diesem Geld müssen Essen und Wasser gekauft werden. Dazu kommen die Kosten für die Gesundheitsversorgung: Wer HIV+ ist (und das sind hier über 20% der Bevölkerung), der muss seine regelmässigen CD-4 Zellen-Kontrolle ebenso selbst bezahlen, wie den Transport zur Teststelle. Die Medikamente werden zwar gratis abgegeben, aber sie fehlen oftmals und dann war die teure Reise zur Gesundheitsstation umsonst. Auch wenn ein Kind krank wird müssen der Transport zur Gesundheitsstation und die Medikamente bezahlt werden können: Tuberkolose, Malaria, HIV/Aids, Typhus, Amöben und Lungenentzündungen sind hier sehr weit verbreitet. Und nur gerade die Behandlung für Malaria ist gratis.

Auch die Kosten für den Schulbesuch der Kinder müssen von den 15.70 Franken pro Monat bezahlt werden: das sind Uniformen, Schulbücher, Stifte, Hefte, Lehrerverpflegung in der Primaschule und happige Schulgebühren in der Sekundarschule. Dies sorgt für regelmässige  Schulunterbrüche trotz offizieller Schulpflicht. Und deshalb finden sich so viele Kinder im Alter von 14-18 Jahren noch in Primaschulklassen. Die Sekundarschule ist wegen der hohen Schulgebühren ein Luxus, den man sich mit viel Anstrengung, Glück und der Hilfe der ganzen erweiterten Familie nur für eines oder zwei der Kinder leisten kann. Die offiziellen Daten sprechen von einer Konversionsrate von 69% von der Primarschule zur Sekundarschule für diese Region. Bei dem, was wir vor Ort sehen, fällt es schwer, dieser Zahl Glauben zu schenken.

Die durchschnittliche Familiengrösse  liegt bei 10 Personen; Kinder sind die Altersvorsorge der Eltern, der niederschwellige Zugang zu Verhütungsmitteln existiert nicht. Verstärkt wird die Armut auch durch das Erbrecht: Das Landes wird anteilsmässig auf alle Kinder verteilt; so werden die Felder immer kleiner, und dies sorgt dafür, dass keiner auf seinem Land auch nur annähernd genug anpflanzen könnte um tatsächlich ernten zu können. Die Männer verdingen sich deshalb als Gelegenheitsarbeiter für ein lächerliches Gehalt. Bei einer Arbeitslosenquote von über 70% ist klar, dass selbst diese Jobs rar sind und dafür gesorgt ist, dass sie extrem schlecht bezahlt sind.