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Wo sie jedes Wochenende ihre Aidstoten begraben

Limpopo ist die Provinz, in der der ANC traditionell die grösste Wählerschaft hat. Die Menschen sind zunehmend unzufrieden. Sie hocken perspektivlos in Dörfern ohne Trinkwasser oder sanitäre Anlagen. Gesundheitsversorgung und Schulen sind schlecht, der Staat schafft es nicht einmal mehr, die Schulbücher rechtzeitig anzuliefern. Die Bevölkerung wird in ihren Dörfern komplett allein gelassen. Nur zu Wahlkampfzeiten erschienen Politiker und versprechen das Blaue vom Himmel. Und viele Hilfsorganisationen ziehen sich zurück, da das Geld knapper wird. Die Probleme akzentuieren sich und die Unzufriedenheit wächst.

Tzaneen ist ein Provinzstädtchen in der Nähe des Kruger Nationalpark, dessen faszinierende Tierwelt  jährlich unzählige Touristen aus aller Welt mit Kamera und Objektiv anzieht. Hier wird Afrikaans gesprochen, man ist wohlhaben, so man weiss ist. Und konservativ. Die mächtigen Anwesen sprechen Bände. Schwarze sieht man im Städtchen nur  als Bedienstete, als Nachtwächter, Tankwartin, Kellner, Kassiererin oder Parkwächter für die grossen Wagen – eine Hinterlassenschaft der Apartheid.

Die Landkarte zeigt kaum Siedlungen rund um Tzaneen. Tatsächlich aber ist die ganze Region dicht besiedelt. Im Gegensatz zu Johannesburg, wo es durchmischte Viertel gibt, leben die Schwarzen hier im Norden Südafrikas völlig segregiert von den Weissen in Dörfern und Siedlungen rund um Tzaneen. Arbeit gibt es auf den Gehöften: die Erde ist fruchtbar und so produziert das Gebiet Tee und tropische Früchte. Wer keine Arbeit hat – und das sind bei offizieller Arbeitslosenquote von 30% viele – wandert ab in die Städte oder lebt von der Sozialhilfe. Und weil diese nicht sehr hoch bemessen ist, kann es sein, dass die Gurt eines Kindes vor allem für junge Mütter für einen willkommenen Einkommenszustupf sorgen: Der Staat bezahlt Kindergeld – 250 Rand. Das nicht viel, aber wer kein Geld hat, dem scheint es ein Vermögen.

Die Wochenenden sind für die meisten schwarzen Südafrikaner verplant: Dann begraben sie ihre Toten und nehmen Abschied. Heute boomt dieser Geschäftszweig als einer der wenigen. Aids sorgt hier immer doch dafür,  dass die Friedhöfe wachsen und  Samstag/Sonntag vielerorts nicht mehr für die traditionell grossen Begräbnisse ausreichen. Viele der Grossfamilien begraben alle ein bis zwei Wochen jemanden. Die soziale Norm gibt vor, dass dies aufwändig geschehen muss und die Teilnehmenden zu einer Mahlzeit eingeladen werden. Dies geht ins Geld und kann auch Familien mit regelmässigen Einkommen ruinieren. Die psychischen Auswirkungen der andauernden Konfrontation mit Tod und Sterben Nahestehender gerade auch auf Kinder ist nach wie vor gesellscahftlich kein Thema. Was es für die damit komplett alleingelassenen, hinterlassenen Kleinen nicht einfacher macht.

Die Gesundheitsversorgung ist schwierig im ländlichen Limpopo, die HIV-Prävalenz mit geschätzten 20-25% hoch und auch Tuberkulose ist allgegenwärtig. Anders als in vielen Ländern des südlichen Afrikas existiert zumindest eine flächendeckende Infrastruktur mit sogenannten „Clinics“. Schlechtes Management führt jedoch dazu, dass in diesen Lokalspitälern, die auch Funktion von Apotheken erfüllen, zu wenig HIV-Medikamente vorhanden sind. Diese sogenannten „Stock-outs“ erschweren das Leben von  HIV-Positiven völlig unnötig. Denn wer als Erntearbeiter zweimal monatlich frei braucht, um seine Medikamente abzuholen, ist seinen Job schnell los.

Es fehlt vielerorts an ganz grundlegenden Dingen wie Gummihandschuhen, Paracetamol, Händedesinfektionsmittel oder TB-Schutzmasken. Diese wären vor allem für die notdürftig ausgebildeten, dorfinternen mobilen Pflegerinnen  wichtig, die in den Dörfen die Hauspflege und Krankenbetreuung der Bettlägrigen übernehmen.

Südafrika ist das Land mit der weltweit ungleichsten Wohlstandsverteilung. Sie ist überall sichtbar– so auch auf dem Schulhof der Sepeke Primarschule, in die wir zur Besichtigung eines Programmes für aidsbetroffene Kinder eingeladen sind. Dort steht ein neuer SUV im Regen. Dessen Eignerin, die Schulvorsteherin, versucht auch gleich mit unverblümt kämpferischer Rhetorik Geld aus den Gästen aus dem reichen Land im Norden zu erhalten. Die Schule hat auf Initiative von ChoiCe, einer lokalen Gesundheitsorganisation, ein Stück Land zur Verfügung gestellt. Darauf baut nun eine Gruppe von Grosseltern, die Aidswaisen grossziehen, Gemüse an. Was sie nicht selber verbrauchen, verkaufen sie. Nach dem Kauf von neuem Saatgut bleibt zudem meist etwas übrig für die bitterarmen Haushalte.