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Sei liebevoll, denn jedermann hier trägt eine unerträgliche Bürde

Dieser Satz prägt das Handeln des Sofiatown Psychological Counselling Services (SPCS) in Johannesburg. Wie wichtig dieser Grundsatz für die Arbeit der Psychologen und Sozialarbeiter in Sofiatown ist und wie sehr er gelebt wird, davon konnten wir uns vor Ort vom 3. bis 5. November 2012 überzeugen und beeindrucken lassen.

Der Arbeitstag bei SCPS in Johannesburg beginnt montags früh: Um 8 Uhr wird mit der wöchentlichen Teamsitzung gestartet. Die neunzehn Mitarbeitenden – 6 Männer und 12 Frauen – sind pünktlich vor Ort. Sie spiegeln die südafrikanische Gesellschaft: Schwarze, Coloureds, Weisse, Ältere ebenso wie Junge. Für den Zugang zu den verschiedenen Gemeinschaften mit unterschiedlichen ethnischer Herkunft ist dies wichtig.

Die Teammitglieder berichten wöchentlich einzeln über die Höhepunkte und Tiefschläge in ihrem Verantwortlichkeitsbereich. Damit sind nicht nur alle auf dem Laufenden, sondern Probleme können schnell und unter Einbezug des gesamten Fachwissens durchgesprochen werden und die Lösungen werden sogleich angegangen.

Die Sozialarbeiterin in einem der zahlreichen Slums, in denen  SPSC tätig ist berichtet von einem verwahrlosten unterernährten 8-monatigen Kleinkind, dessen Mutter und Grossmutter HIV-positiv sind. Der Fall ist dem Team bekannt, man arbeitet schon länger mit den Frauen und versucht, die Mutter dazu zu bringen, die Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen oder zu erklären, dass sie nicht für ihr Kind sorgen kann und will. Sie isst dem Kind die Nahrung weg, die ihr das Spital für die völlig ausgehungerte Kleine mitgibt. Erst wenn die Mutter das Kind frei gibt, können Gwyn und ihre Kolleginnen dafür sorgen, dass das Kind einen Platz in einem Kleinkinderprogramm erhält, wo es Nahrung bekommt und sein Durchfall behandelt wird, abgeklärt wird, ob die Kleine HIV-positiv ist und sie Liebe und Fürsorge erfährt. Das Team spricht die nächsten Schritte genau ab und es wird beschlossen, schnell zu handeln. Eines der Probleme in diesem Fall ist, dass die Kinderschutzbehörde, denen die Vernachlässigung gemeldet wurde und die zum Handeln verpflichtet wären, trotz permanentem Nachfragen nicht reagiert.

Wir sehen das Kind später auf unserem erschütternden Besuch im Slum mit Gwyn. Sein Bauch ist aufgebläht vom Hunger, es weint geschwächt und wirkt apathisch. Die Grossmutter kann sich kaum auf den Beinen halten, ihr ist schwindlig von den Medikamenten. Die Agonie ist mit Händen greifbar.

Die Hütten, aus Pappe, Wellblech und Holzstücken notdürftig zusammengenagelt, stehen Wand an Wand, dazwischen staubige Wege, auf denen sich das Abwasser staut. Müll, 2 Wasserstellen für Tausende von Menschen, 15 Toiletten ohne Türen. Die Trostlosigkeit wird von einem aufgeweckten, kleinen Mädchen durchbrochen, das unsere Beachtung einfordert und uns stolz den halbvollen Wassereimer auf dem Kopf zeigt. Daneben wird toxischer Abfall verbrannt. Keiner weiss, wie viele Menschen hier leben. Viele von ihnen haben keine Papiere, existieren also offiziell nicht. Wer aber keinen Geburtsausweis hat, kann später zum Beispiel nicht zur Schule. Und wer das Pech hat, eine Mutter zu haben, deren Geburt nicht registriert wurde, der kann nicht registriert werden, da seine Mutter ja nicht existiert.

Die Menschen sind aufgrund der schlechten Hygienesituation alle krank. TB und HIV sind überall. Geredet wird aber höchstens über TB. Die Angst vor HIV und dem Tod trägt zum Stigma und zur Isolation der Kranken bei. Die Menschen igeln sich ein, man traut dem Nachbarn nicht. Das Leben ist hart hier. Viele der hier lebenden Frauen sind auf sich allein gestellt. Wer in einer solchen Situation erkrankt, kann seine Kinder nicht mehr schützen.

Da ist Princess, wache Augen, abgemagert. Ihr Name ein Hohn. Ihr Leben ein Grauen. 5 Kinder, kein Mann, alle in einen kleinen Raum gedrängt. Sie freut sich über den Besuch, denn er zeige ihr, dass es Menschen gebe, die sich für ihr Schicksal interessieren. Das würde es erträglicher machen, sagt sie. Das sind Momente, die einem das Atmen schwer machen.

Den Zugang zu den Kindern in Slums erhält SPCS nur mit Beharrlichkeit und wenn es gelingt, eine Vertrauensbasis zu den Müttern, Tanten, Grossmüttern oder Schwestern aufzubauen. Dazu braucht es ein kluges, gut austariertes Hilfsangebot ebenso wie Psychologen und Sozialarbeitende mit viel Fingerspitzengefühl, Verständnis für die Lebenssituation, die Tabus und einen klaren Blick, damit man selbst nicht instrumentalisiert wird. Das Team um Gwyn besucht die Frauen 1x wöchentlich, seit vielen Jahren. Sie sehen die Leute kommen und gehen, weggehen oder sterben. Es werden nicht weniger.