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Amandla, Südafrika!

Südafrika ist ein komplexes Land. Da ist zum einen die Erbschaft der Apartheid, die vielerorts noch sehr stark spürbar ist. Die zahlreichen, verschiedenen  und oft sektenartigen Kirchen haben einen Lack von Christentum über die animistischen Glaubenssysteme gezogen. Diese jedoch bestimmen den Alltag der meisten Schwarzen nach wie vor stark. Geisterglaube, traditionelle Heiler und zahlreiche, schwer durchschaubare Tabus machen nicht nur Aidsbehandlung und Prävention schwierig. Sie schaffen auch eine Kultur des Beobachtens, Überwachens und Neides.

Das soziale Gefälle in Südafrika ist das höchste der Welt. Die Menschen auf der untersten Stufe nehmen es hin; sie kämpfen oft ums nackte Überleben und sind darin sehr einfallsreich. In kurzer Zeit haben sich aber auch die sogenannten „Black Diamonds“ herausgebildet. Sie sind die Neureichen, die zu guten Posten gekommen sind, und das sehr schnell. Meist nicht aufgrund von Qualifikationen, sondern durch Einfluss und Familienbanden – Vetternwirtschaft wird das System bei uns genannt. In Südafrika ist es Teil des Programmes des Black Economic Empowerment, das als Idee mehr als berechtigt ist, in Realität jedoch nicht funktioniert. Dieses Quotensystem fördert die Korruption und ist zu einem grossen Teil mit verantwortlich für das groteske Staatsversagen eines an sich ressourcenreichen Landes. Denn es befördert Leute aufgrund der Hautfarbe unbesehen in führende Positionen. So ist BEE auch dafür verantwortlich, dass Aufträge im Strassenbau an schwarze Firmen vergeben werden, die ohne das dafür notwendige Fachwissen sind. In der Folge brechen die entsprechenden, neu gebauten Strassen jedes Jahr wieder weg. Und jedes Jahr repariert dieselbe Firma aufwändig. Der Steuerzahler bezahlt die Rechnung. Das freundliche Gratis-Beratungsangebot der früher zuständigen Firma wird von der schwarzen Firma ausgeschlagen, denn die alte Firma ist weiss. Ihr Strassenbau hat übrigens 50 Jahre gehalten. Und dem zuständigen Beamten kommt es nicht in den Sinn, den Auftrag neu und mit Qualifikationsansprüchen versehen, auszuschreiben.

Es ist erschreckend, wie viele Familien ausschliesslich von Sozialhilfe leben. Nicht dass es viel wäre, aber die Abstufung der Beiträge setzen doch sehr ambivalente Anreize.  So gibt es Zuschüsse für Pflegekinder, aber auch solche für eigene Kinder. Von diesen Staatsbeiträgen leben oft ganze Familien und viele der Aidswaisen werden in Pflege genommen, damit das Geld für die eigene Familie vorhanden ist.

Der dümmste und kontraproduktivste ökonomische Anreiz aber ist die Sozialversorgung, die Aidskranken gewährt wird. Der Staat verbindet die Vergabe der Rente an die klinisch feststellbare Anzahl der CD4 Zellen. Liegen diese unter 200, so muss davon ausgegangen werden, dass die Person zu krank ist, um einer Arbeit nachzugehen. Sie erhält dann, je nach Provinz, zwischen 1080 bis 1200 Rand Krankenrente pro Monat. Das ist nicht viel für eine 4- 8-köpfige Familie. Für viele der alleinstehenden Mütter und Caregiver ist das jedoch mehr Geld, als sie je zur Verfügung hatten. In der Konsequenz nehmen sie ihre Medikamente nicht mehr, damit ihre CD-4 Zellen zerstört werden und sie rentenberechtigt werden. Mit diesem Verhalten nehmen sie nicht nur ihren eigenen Tod und die Verwaisung ihrer Kinder in Kauf, sondern sie tragen damit auch aktiv zur Mutation des Virus und zur gefürchteten Resistenzenbildung bei.

Das Schockierendste überhaupt ist jedoch das Verhalten der Männer. Sie verweigern den HIV-Test systematisch. Viele arbeiten als Wanderarbeiter in der Landwirtschaft, auf Baustellen oder in den grossen Autofertigungsfabriken rund um Port Elisabeth, East London und Durban. Sie haben zu Hause eine Familie und Kinder. Und vor Ort eine oder mehrere Freundinnen. Und auch für die ganz Jungen ist es normal, überall und mit möglichst zahlreich wechselnden Partnerinnen Sex zu haben. Dazu muss man wissen, dass Sex in Südafrika immer mit einem Tauschgeschäft verbunden ist und keine romantische Idee dahinter steht. Man resp. frau erhält dafür Brot, Geld, Kleider, Sicherheit, einen geführten Haushalt etc.  Oder man verspricht sich einfach ein besseres Leben zu zweit als allein.

Weil die Männer in einer Mischung aus vermessener Verblendung, Dummheit und Rollendenken davon ausgehen, sie seien qua Chromosom nicht mit HIV infizierbar, kommt es sogar soweit, dass sie ihre Freundinnen zum Test schicken. Sind diese dann aber HIV-positiv, lassen die Männer sie sofort sitzen und suchen sich schnell eine Neue. Selbst denken sie nicht im Traum daran, sich ebenfalls zu testen. Das sind beste Voraussetzung für das HI-Virus. Und sehr schlechte Karten für die Frauen, deren Kinder und die Zukunft der südafrikanischen Gesellschaft. Denn wenn es nicht gelingt, die Männer zu verantwortungsbewusstem Handeln anzuhalten, wird es trotz verbessertem Zugang zu ARVs unmöglich, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Zumal in vielen der Gemeinschaften oder Slumsiedlungen die Infektionsrate bei über 50% liegt.